Im Bild

Eine künstlerische Konfession

Der Erlös der Bilder reicht nicht für eine Italienreise. So stehe ich wieder vor der Fotografie der Familie meiner Urgroßeltern. Links im Bild meine Oma, ein elfjähriges Mädchen. Im Glas des Bildes spiegeln sich mein Garten und ich. Eine schlaue Erfindung, denke ich, drinnen die Vergangenheit und obendrauf die Gegenwart. Ich lehne mich ans Bücherregal, fülle mir ein Glas und lobe meine Welt.
Ist es gestattet, sagt einer, und steht in der Bilderscheibe neben mir. Er trägt eine  goldene Uhrkette, einen an den Spitzen gezwirbelten Schnurrbart und auf dem Kopf wenig Haare. Wer hat Sie denn geschickt, frage ich. Da sehe ich, er hält einen Schmetterlingskasten unter dem Arm. Ich reiche ihm ein Glas. Er ist Leander, mein Urgroßvater. Er nimmt das Glas mit Rotwein, hält es gegen das Licht und schlürft den ersten Schluck. Wir beschließen, uns zu duzen. Damals sammelte er Schmetterlinge, er hebt ein wenig den Kasten unter seinem Arm, und hat mit der ganzen Welt getauscht. Jetzt stützt er sich an den Bilderrahmen und schaut mir in die Augen. Als die Fotografie aufgenommen wurde, war er so alt wie ich jetzt, sagt er, und er will wissen, ob es mir wohl ergeht. Denn schließlich kennt er mich, seitdem ich das Foto seiner Familie zum ersten Mal ansah. Was soll ich dir sagen, ich bin Künstler, das ist heute nicht leichter als zu deiner Zeit. Es gibt Zustimmungen und Ablehnungen, auch Unverständnis. In der eigenen Familie, das wirst du kennen. Er schwenkt den Wein, bevor er trinkt. Wenn sich auch am Umfang nie die Kunst erwies, Schmetterlinge zu sammeln, braucht Platz. Seine Kästen sind im Müll gelandet, als die Wohnung ausgeräumt wurde. Kein schöner Gedanke für mich. Ich hoffe, Bleibendes zu schaffen. Der Künstler, sagt er, braucht seine Kunst am meisten, er kann auch am meisten auf sie verzichten.
Wem erzählt er das! Für andere hat die Kunst andere Werte, die wollen vergleichen, einordnen, erklären. Oder sich schmücken. Die brauchen Kunst wenigstens. Was soll ich mit Menschen anfangen, die ohne sie leben können? Es ist schon schwer zu ertragen, jeden Tag die misslungenen Formen an den Nachbarhäusern vor Augen zu haben. Einen Schutz vor Barbarei, sagt er, bietet auch die Kunst nicht. Er hat das aus sicherem Abstand beobachten können.
Wie steht es heute mit mir? An meinen Wänden hängen Druckgrafiken, Fotografien und Zeichnungen von Künstlern, die ich mag und mit denen ich getauscht habe. In den Mappen liegen weitere Arbeiten. Manchmal nehme ich die heraus, sehe sie mir lange an und freue mich. Genauso, wie ich mich freue, jeden Morgen das Geschirr zu benutzen, das mir die Keramikerin für meine grafischen Blätter gab.
Und wie steht es mit dem Eigenen? Ach, sage ich, es ist wie Aprilwetter. Ich habe einige großartige Fotografien gemacht und ein paar Malereien, die mir immer noch gefallen. Ob ich das sagen darf? Nein, es geht nicht um Selbstlob, sondern um das Überleben! Wenn das eigene Werk für andere Luft ist, muss man sehen, dass man sich nicht selbst auflöst. Ich bin froh, vom Garten die Befriedigungen und aus der Landschaft die innere Ruhe zu kennen. Ja, ich wünsche mir, die Menschen mögen sich mit den Künsten befassen. Dann befassen sie sich vielleicht mit sich und mit dem, was sie tun.
Leander, mein Urgroßvater, der mich im Leben nie kennen lernte, stellt das leere Glas ab und verschwindet. Bleibe dir treu, ist das Letzte, was ich von ihm höre.

Uwe Klos, im Dezember 2013.



© Uwe Klos. 2013


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